Der große englische Musik Pionier Brian Eno entdeckt das Singen.

September 7, 2009 bei Helmut Bürgel   Kommentare (0)

Jede Woche trifft sich Brian Eno mit Freunden in einer Wohnung, um gemeinsam eine ganze oder halbe Nacht lang zu singen. Erist davon überzeugt, dass das gemeinsame Singen mehr bringt als nur ein paar fröhliche Stunden. Er glaubt, dass uns Singen auf andere Gedanken bringt, dass es den Geist, die Sinne und das Gemeinschaftsgefühl stimuliert und die Seele nährt. Seiner Ansicht nach sollte in jeder öffentlichen Schule täglich gemeinsam gesungen werden.

Das New York Public Radio hat in der regelmäßigen Sendung "So i believe" einen Beitrag mit Eno über seine Singerfahrung veröffentlicht,der es mehr als wert ist, gehört oder gelesen zu werden.

http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=97320958

 

 

Pressefreiheit bei den Stimmen-Konzerten

July 22, 2009 bei Helmut Bürgel   Kommentare (0)

 

Die "Oberbadische" hat in der Ausgabe vom 22. Juli und in ihrer heutigen Jugendbeilage "Spunk" mit harten Kommentaren auf mögliche Beschränkungen für Pressefotografen bei den kommenden Marktplatz-Konzerten mit Tracy Chapman und Ich+Ich reagiert. Ich habe den  Journalisten wie folgt geantwortet:

Pressefreiheit bei den Stimmen-Konzerten

Sehr geehrte Frau Hauger, Sehr geehrter Herr Neidinger,

den Unmut, den vertragliche Auflagen von Künstlern hinsichtlich ihres Rechts am Bild bei Journalisten auslösen, kann ich als ehemaliger Journalist und Veranstalter durchaus verstehen. Es ist auch nicht so, dass wir diese Beschränkungen rechtfertigen oder dass wir als Veranstalter nicht alles unternehmen, um die Freiheit der Berichterstattung vollumfänglich zu ermöglichen.

Allerdings sind unsere Möglichkeiten, „den verpflichteten Sängern klar (zu) machen, wie wertvoll Pressefreiheit ist“ beschränkt. Der Grund dafür liegt nicht in mangelndem Bewusstsein über Gefahren jeder Einschränkung der Pressefreiheit, sondern in der rasanten Entgrenzung und im Missbrauch dieser Freiheit durch neue Medien und die damit verbundenen neuen technischen Möglichkeiten.

Nehmen Sie – um nur ein aktuelles Beispiel aus dem Umfeld des Stimmen-Festivals zu nennen – Ihre eigene Homepage. Auf dem Banner „Hier geht’s zur Fotogalerie“ werben Sie mit einem Foto von Pink, das beim Stimmen-Festival aufgenommen wurde. Haben Sie das Recht, dieses Foto für Werbezwecke auf Ihrer Homepage zu verwenden, von der Künstlerin erworben? Oder verstecken sich da nicht unter dem Deckmantel der Pressefreiheit längst kommerzielle Zwecke?

Ein weiteres Beispiel: alle Zeitungen drucken die beim Festival entstandenen Künstlerfotos mittlerweile nicht nur in der Zeitung ab, sondern veröffentlichen sie in den Fotogalerien ihrer Webseiten, weil sie ihnen dort eine hohe Frequenz bringen. Diese zusätzlichen Verwertungen gehen weit über die bisher bekannten Möglichkeiten der  Presseberichterstattung hinaus. Noch gravierender wird diese unabgeklärte Auswertung von Künstlerfotos, wenn diese – wie in der Fotogalerie der Badischen Zeitung – auch noch als e-card versendet werden können, wenn diese Künstlerfotos also fern jeder Presseberichterstattung für die Verwertung im weltweiten Internet frei gegeben werden.

Ist es vor diesem Hintergrund verwunderlich, wenn Künstler ihr Recht am Bild anders geregelt wissen möchten als in den längst vergangenen Zeiten, als das gedruckte Foto als Teil der Berichterstattung in der Zeitung die einzige Form der Verwertung durch Journalisten war?

Als Veranstalter teilen wir die Auffassung, dass der Gesetzgeber von der technischen Entwicklung in gewissem Sinne überrollt worden ist, dass es bezüglich der Auswertung von Künstlerfotos ebenso grundlegend neuer Regeln bedarf wie hinsichtlich der Abgeltung von Urheberrechten bei der Verbreitung von Audio- und Videofiles im Internet. Dies sind nur zwei von vielen Beispielen, in denen die technischen Möglichkeiten sich vervielfacht haben, ohne dass der Gesetzgeber entsprechend Regelungen getroffen hat. Die Leidtragenden dieser Situationen sind die Künstler, die Kreativen, diejenigen, die den sogenannten „content“, die musikalischen, literarischen oder sonstigen Inhalte und mit diesen das „Augenpulver“ produzieren, das allüberall als Verkaufsanreiz oder zur Steigerung der Quoten verwertet wird. Ihre Rechte werden in der derzeitigen Situation mit Füssen getreten.

Ihre Empörung greift viel zu kurz. Das bloße Verteidigen der Pressefreiheit  ist vor diesem Hintergrund gleichbedeutend mit dem Anspruch auf grenzenlose und unentgeltliche Verwertung von Bildaufnahmen. Dass Künstler sich davor schützen wollen und gelegentlich übers Ziel hinausschießen, mag ärgerlich sein, ist vor dem Hintergrund der gesetzlichen Grauzone aber viel nachvollziehbarer als Sie es darstellen. Ist es wirklich so unverständlich, wenn ein Künstler eine Kopie der bei seinem Konzert entstandenen Fotos verlangt, wenn der gleiche Fotojournalist diese zwei Stunden nach dem Konzert bereits zur freien Verfügung ins Internet stellt?

Sie sollten also vorsichtig sein, wenn Sie auf den Alten Markt gehen, um „Stimmen“ zu erleben.“  Nicht nur diese Aufforderung an die Besucher unseres Festivals schießt vor dem beschriebenen Hintergrund weit übers Ziel hinaus. Er ignoriert die realen Probleme hinsichtlich der Verwertung von Bildern. Etwas mehr Nachdenken statt vorschneller Empörung wäre der Sache angemessener, auch und gerade im Dienste der Pressefreiheit.

(Helmut Bürgel)

 

Wenn der Mensch wäre, wie er sein sollte, kein krankes Tier...

July 12, 2009 bei Helmut Bürgel   Kommentare (0)

Pessoa-Standbild Lisboa, Café Brasileira

"Wenn der Mensch wäre, wie er sein sollte,

Kein krankes Tier, sondern das vollkommenste aller Tiere,
ein direktes und kein indirektes Tier,
Müßte er auf andere Weise einen Sinn in den Dingen finden,
Auf eine andere, wahrhaftige Weise.
Er müßte einen Sinn für das „Ganze“ erworben haben;
Einen Sinn, wie Sehen und Hören, für die „Totalität“ der Dinge
Und keine Vorstellung vom „Ganzen“, wie wir sie haben,
….
(Alberto Cairo, Poesia-Poesie, S. 127)

A Filetta - Nana (from CD Bracaná, 2008)

Im Web gibt es gute Seiten sowohl zu Fernando Pessoa als auch zu A Filetta. Die Empfehlenswertesten sind:

Gabi Bucher - Fernando Pessoa

Association francaise des Amis de Fernando Pessoa

L´encyclopédie de l´Agora

A Filetta - myspace

A Filetta - gute Fanpage

 

 

Meine Phantasie ist ein Triumphbogen. Das ganze Leben zieht durch ihn hindurch

July 11, 2009 bei Helmut Bürgel   Kommentare (0)

Die vorbeirauschenden Momente des Glücks, die Schatten der Nacht, überhaupt die Flüchtigkeit und Doppelbödigkeit unseres Lebens - das sind die zentralen Themen von Torsten Warmuth. Der Berliner Fotograf zeigt uns das, was hinter den vermeintlichen Eindeutigkeiten sichtbar wird.

Torsten Warmuth. aus dem Zyklus "Gegen den Strom"

Insofern ein Seelenverwandter Fernando Pessoas, sind wir sehr froh, dass wir ihn, zusammen mit den Sängern von A Filetta, der Labtop-Vokalistin Joana Aderi und dem Schauspieler Peter Schröder für die Stimmen-Produktion "Pessoassion" (Premiere: Mi. 15. Juli 2009) gewinnen konnten. Der renommierte Fotograf steuert eine Auswahl seine Fotografien bei und gestaltet mit deren Projektionen den Bühnenraum.

Torsten Warmuth. aus dem Zyklus "Nacfhtsammler"

Und ich, der Vielschichtige, ich, der Vielfältige,

Ich, die Saturnalien der Möglichkeiten,
Ich, der Deichbruch der Personalisierungen,
Ich, der Maßlose, ich, der Fortwährende, ich, der
Ich, der Ausufernde…

Der ich in allen Seelenhäfen an Land ging..."

(Fernando Pessoa, Fortgehen. aus: Alvaro de Campos - Poesia-Poesie)

"Irgendwann werfe ich eine Bombe aufs Schicksal" Fernando Pessoa

July 10, 2009 bei Helmut Bürgel   Kommentare (0)

Am kommenden Mittwoch, 15. Juli, hat die nächste Stimmen-Produktion "Pessoassion" unter der Regie von Marion Schmidt-Kumke Premiere. Mit dabei sind das korsische Gesangsensemble A Filetta, unsere diesjährigen "artists in residence", die Labtop-Vokalistin Joana Aderi, der Schauspieler Peter Schröder und der berliner Fotograf Torsten Warmuth.

Fernando Pessoa, Portugiese und einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts,  schrieb sein ganzes, kurzes Leben lang: eine Flut poetischer Texte, die fast jeden, der ihnen einmal begegnet ist, nie mehr loslassen und ein Leben lang begleiten. Zu diesen Texten zählen auch der "Gruss an Walt Whitman"  und die "Meeresode", zwei wilde, poetische Wort- und Bildströme.Pessoa Portrait

Hier einige kurze Ausschnitte. Ich empfehle dazu die Soundtracks von A Filetta und Joana Aderi:

Joana Aderi - Seele randvoll mit Meer

"Macht was ihr wollt mit mir, ich will nur eins: eine Seele randvoll mit Meer."

aus der Meeresode:

He, Matrosen, Mastwächter! He, Mannschaften, Lotsen!

Mit euch möchte ich ziehen, mit euch möchte ich ziehen,

Die Zivilisation mit euch fliehen!
Mit euch das Gefühl für Moral verlieren!
In der Ferne meine menschliche Natur sich wandeln fühlen!
Mit euch auf südlichen Meeren
Neue Wildheiten trinken, neuen Aufruhr der Seele,
Neue Eruptionen im Vulkan meines Geistes!
Mit euch ziehen, ausziehen, - ach, fort, nur fort mit dir! -
Mein Zivilisiertengewand, die Laschheit meines Tuns ablegen,
Meine angeborene Angst vor Gefängnissen,
Mein friedliches Leben,
Mein sesshaftes, statisches, geregeltes, gleichförmiges Leben!

und aus dem Gruß an Walt Whitman

„Auf mit allen Fenstern!
Weg mit den Türen!
Weg mit dem Dach über meinem Kopf!
Frei an der frischen Luft will ich leben,
….

Ich will keine Riegel vor den Türen!

Will keine Schlösser an den Tresoren!
Will mich einschalten, mich einmischen, mitgerissen werden,
Will der Narr irgendeines anderen sein..."

Jean-Claude Aquaviva, der musikalische Kopf von A Filetta und selbst ein großer Liebhaber Pessoas, und Joana Aderi haben einige der Texte Pessoas vertont. Diese Originalkompositionen werden bei der Premiere erstmalig zu hören sein. Peter Schröder rezitiert ausgewählte Texte Pessoas, u.a. die oben genannten; Torsten Warmuth steuert die Projektionen bei, wunderbar rätselhafte Schwarz-Weiss Fotografien im Geiste Pessoas.

Ein erster Eindruck dazu folgt morgen hier. 

Mein Herz ist eine Herberge - Pessoassion

July 9, 2009 bei Helmut Bürgel   Kommentare (0)

»Ich habe Gedanken, die, wenn ich sie verwirklichen und lebendig machen könnte,den Sternen ein neues Licht, der Welt eine neue Schönheit und dem Herzen der Menschen größere Liebe bringen könnten.« (Fernando Pessoa)

aus Alvaro der Campos
Poesia – Poesie

Fernando Pessoa

aus:

Erwachen der Stadt Lissabon S. 71f
...

Ich vergöttere alle Dinge,
und mein Herz ist eine Herberge, offen die ganze Nacht,
Am Leben habe ich ein gieriges Interesse,
Das sucht, es heftig fühlend zu verstehen.
Ich liebe alles, belebe alles, vermenschliche alles,
Menschen und Maschinen, Steine und Seelen,
Um auf diese Weise mein Ich zu mehren.
Um mir selbst immer mehr zu gehören, gehöre ich allem an,
und am liebsten trüge ich die Welt auf dem Arm,
Wie ein Kind, das die Amme küsst.

Ich liebe alle Dinge, die einen mehr als die anderen -
Aber nicht eines mehr als das andere, stets jedoch die mehr, die ich gerade sehe,
Als die, die ich gesehen habe oder sehen werde.
Nichts ist für mich so schön wie Bewegung und Wahrnehmung.
Das Leben ist ein großer Jahrmarkt voller Buden und Gaukler.
Denke ich daran, bin ich gerührt, doch Ruhe finde ich nie.

Gib mir Lilien, Lilien
Und Rosen ebenso.

A Filetta: Comme un souffle (video)

Der Hüter der Herden - Pessoassion

July 8, 2009 bei Helmut Bürgel   Kommentare (0)

Pessoas Schatten

"Hüter der Herden" ist eines der gewaltigsten Poeme Fernando Pessoas. Ein kleiner Ausschnitt davon ist dieses Lied, das A Filetta und Joana Aderi für die Stimmen-Produktion "Pessoassion" vertont haben. Uraufführung am 15. Juli im Burghof.

A Filetta - Joana Aderi - Fahrdampfer

Ihr könnt hier täglich ein neues Gedicht von Pessoa lesen. Und in Kürze auch Fotos des beteiligten Fotografen Torsten Warmuth sehen und weitere Musik zu Pessoassion hören.

„Heda, du Hüter der Herden,
Dort am Wegesrand,
Was sagt dir der wehende Wind?“

„Dass er Wind ist und dass er weht,
Dass er schon vordem wehte
Und dass er auch künftig wehen wird.
Und was sagt er dir?“

„Noch so manches mehr.
Er spricht mir von vielen anderen Dingen.
Von Erinnerungen und Sehnsucht
Und Dingen, die nie gewesen sind.“

„Du hast den Wind nie wehen gehört.
Der Wind erzählt nur vom Wind.
Was du ihn sagen hörtest, war Lüge,
Und diese Lüge ist in dir.“

A Filetta - U Sipolcru

Bobble Europapremiere - Welttheater der Stimmen mit Bobby McFerrin

July 5, 2009 bei Helmut Bürgel   Kommentare (0)


Im Römischen Theater Augusta Raurica fand im Rahmen des Stimmen-Festivals die Europäische Erstaufführung von BOBBY McFERRINs improvisierter Oper BOBBLE statt.  21 Sängerinnen und Sänger aus der Schweiz, Frankreich und Deutschland, aus anderen europäischen Ländern sowie aus Brasilien und Israel gestalteten dieses Welttheater der Stimmen mit. Das Pubklikum war beeindruckt und begeistert. Im Rund der Arena nahmen die Besucher am Ende den Klang der Hymnen auf  und sangen ihren Applaus in die Nacht.

 

Es war ein Abenteuer, eine Reise in unbekannte Vokal-Gefilde, auf die wir die Sänger und Sängerinnen geschickt haben. Eigentlich hatte ich nie Zweifel, dass etwas ganz Großes entstehen würde. Verunsichert war ich nur etwas durch das Wetterpech in Augusta Raurica im vergangennen Jahr. (Was, wenn erneut ein Sturm nicht die geringste Rücksicht auf unsere Pläne nehmen und alles innerhalb von Minuten wegfegen würde?) 

Bobby hatte bereits bei Stimmen 2007 60 Schülerinnen und Schüler und 60 erwachsene Sänger mit auf eine "Expedition ins Stimmreich"  genommen und die in ihren Stimmen schlummernden Potenziale geweckt. Nun also mit 20 ausgewählten professionellen Sänger/innen. Jede/r ist für sich schon ein kleines Stimmwunder, jeder für sich auf der weltweiten Stimmen-Baustelle unterwegs, irgendwo zwischen Tradition und Moderne, Eigenem und Fremdem; jeder auf der Suche nach einer eigenen Gesangssprache, einem gesungenen Dialog mit dem Leben. Wie aber sollte das zusammen kommen?  Zu Bobby hatte ich von Anfang an, seit den alleresten Gesprächen ungetrübtes Vertrauen, dass er auch diese Herausforderung meistern würde. Und gleich am ersten Abend, bei der ersten Begegnung in der Curia der Römerstadt war alles offen. Kein langes Blabla, keine Erklärungen, Erläuterungen, Meinungen. Alle stellten sich singend vor, jeder in seiner Sprache: OISIN aus Irland, BLACK TIGER aus Basel, VICTORIA HANNA aus Israel, die Exil/Iranerin MARYAM AKHONDY, CAMILLE aus Paris, JULIEN JACOB, der in Frankreich lebende Songwriter aus Benin und all die anderen. Sie woben bereits in der ersten Stunde ihrer Begegnung ein Klanggemälde, wie es im Laufe der Woche in vielfaeltigen Schattierungen und Farben schillernd entstehen sollten. Und mittendrin Bobby, der am ersten Abend kaum etwas sagte, alles, halb in Jetlag-Trance, aufnahm, um daraus in den kommenden Tagen die Fäden zu spinnen, die am Schluss dann, bei den beiden Bobble-Auffuehrungen zusammen flossen - seiner kuenstlerischen Antwort auf die durch Migration und Globalisierung gepraegten sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit.

Klangabenteuer bei der Schrei-Premiere in Freiburg

June 21, 2009 bei Helmut Bürgel   Kommentare (0)

Keith Jarrett, der große Jazzpianist, bekannt für seine gewagten, risikoreichen Improvisationen, beklagte kürzlich den Mangel an Begeisterung junger Menschen für das Neue. "Ich würde die Flamme der Begeisterung neu entfachen, das Interesse an Abenteuern schüren. " - Schade, dass er am Samstag Abend diesen "Schrei" nicht erlebt hat. Er wäre eines Besseren belehrt worden. Denn die Begeisterung, Kreativität und Energie der Jugendlichen stand den professionellen Musiker in nichts nach - im Gegenteil. Ihr Mut und ihre Bereitschaft, sich auf musikalische Abenteuer und offene Wege einzulassen, weckten Staunen und Bewunderung.

Am 9. Juli wird "Der Schrei" auch beim Stimmen-Festival in Lörrach zu erleben sein.
Gestern Abend hatte das abenteuerliche Projekt Premiere: mit 200 Jugendlichen aus der ganzen Oberrheinregion von Lörrach bis Karlsruhe und dem SWR Sinfonieorchester.
Es ist eine gewaltige Oper geworden, ein faszinierendes Gesamtkunstwerk, bestehend aus unterschiedlichsten Fragmenten; ein Klanguniversum, das einen vielstimmig schillernden Bogen spannt vom Schrei der Geburt bis zum Schrei nach Freiheit, vom jubenden Schrei bis zum unterdrückten Schrei, vom Schrei, gehört zu werden bis zu Beethovens verzweifeltem, verinnerlichtem Schrei ob des Verlusts seines Gehörs.

Mehr als ein Jahr lang haben verschiedene Teamleiter mit den zwischen 14 und 20 Jahren jungen Musikern und Sängern gearbeitet, uner ihnen auch einige Gruppen körperlich und geistig Behinderter. In Lörrach hatten Georg Hausammann, langjähriger Leiter des contrapunkt-Chores aus Basel, Hansjürgen Wäldele, Komponist und Improvisationsmusiker aus Weil am Rhein und Birte Niermann, Sängerin und Chordirigentin aus Lörrach, ihre Gruppen auf die Zusammenarbeit mit den Teams aus den anderen Städten und dem Orchester vorbereitet und eingestimmt.

Es begann auf dem Platz vor dem Gebäude und im Foyer des Freiburger Konzerthauses. Werner Englert, Initiator des Projekts und neben Silvain Cambreling, dem Chefdirigenten des SWR-Sinfonieorchesters, hielt die Fäden zusammen und dirigierte das äußerst spannende Intro der Jugendlichen, unter die sich vereinzelte Orchestermusiker gemischt hatten. An Spannung, Überraschungen, Klangfarben war das kaum zu überbieten. Von ueberall her kamen die Klänge; ein Girlband besang soulig den Schrei der Ekstase des ersten Liebesabenteuers, 2 Rapper den Überdruß eines Lebens im Überfluß, ein Harfenist mit goldener Stimmen die ungezügelte Energie der Liebe, ein Vokalensemble improvisierte Schreie und Flüstern, eine Percussiongroup auf der Balustrade wurde von zarten Flötentönen kontrastiert, wie eine Schiffsmotor vom Gesang einer Nachtigall usw. Dieses Intro war bereits ein erster Höhepunkt Höhepunkt, und das Publikum im ausverkauften Konzerthaus zog am Ende diese ersten Teils, bestens engestimmt, die meisten mit einem leisen Lächeln im Gesicht und gelockt vom Sog des Orchesterklangs in den großen Saal - voller Erwartung, was da kommen möge.

Die Spannung wurde dann - angesichts des perfekten, großen und professionellen Orchesterapparats und angesichts von Beethoven und dem ersten Satz seiner 5. Sinfonie - noch größer. Klar, auch diese Musik ist ein Schrei. Aber würde es gelingen, die begeisternden und vielfältigen Beiträge der Jugendlichen mit dem auf höchstem künstlerischen Niveau musizierenden Orchester zu vermitteln? Oder würde der Apparat alles Spontane, Spielerische, Improvisierte erschlagen?
Die Dramaturgie versucht das Problem zu lösen. Beethovens Fünfte wird als Collage gespielt, immer wieder unterbrochen durch Schnitte und Verfremdungen. Der Rap aus dem Intro taucht wieder auf, Zitate aus Briefen Beethovens, in denen er sein Leid beklagt verbinden sich mit dem Schrei eines Gehörlosen, ein Motiv von Beethoven wandert vom Orchester zu einer Gruppe von Jugendlichen mit Akkordeon, eine Oboe klagt, und ein Saxophonorchester röhrt und mitten hinein fetzt das Orchester wieder sein schneidendes, präzises Da-Da-Da-Daaa, da-da-da-daah. Es entstehen berührende und intensive Momente,etwa wenn zwei junge Behinderte, nur von Gitarre begleitet, ihre unterdrückten Schreie ein- und ausatmen, oder ein "Orchester von Taubtummmen" ihre Schreie in der Gehörlosensprache gestisch in den Raum vor der großen Bühne malt.

Klar, nicht alle Phasen sind bei einer derartigen musikalischen Reise gleichermaßen intensiv. Es gibt auch kleinere Durchhänger, vor allem dann, wenn das Orchester zu sehr, besonders am Ende in den hermetisch abgeschlossene Form seines Musizierens verfällt. Dies gilt besonders für das zweifelsohne wunderschöne, zärtliche und als Gegenpol der Stille und der leisen Intensität gedachte Werk von Salvatore Sciarrino "Selbstportrait in der Nacht" kurz vor dem Finale. Indem es alles andere für Minuten abtötet, die Jugendlichen hermetisch ausschliesst, ist es zumindest dramaturgisch falsch platziert. Aber zum einen lässt sich aus dieser ersten Aufführung noch lernen, und zum anderen liegen kleine dramaturgische Schwächen bei einem so mutigen und offenen Projekt in der Natur der Sache.

 

Danke Werner, danke Silvain Cambreling, für Eure Inspiration und Ausdauer, Eure Energie und euer Durchhaltevermögen.

Dank an alle, die den Schrei unterstützt und ermöglicht haben. Ich freue mich auf den Lörracher Schrei am 9. Juli.